Webmasterfrday: Wie deutsch bin ich?

Und direkt nachgelegt der Webmasterfriday dieser Woche. Gestern war bekanntermaßen der Tag der Deutschen Einheit und deshalb fragt Martin, wie deutsch wir sind. Ja, wir haben Schwierigkeiten mit unserer Identität und viele stehen uns das Recht auf eine eigene Identität scheinbar auch gar nicht zu – denn wir seien ja schuld. „Deutsch sein“ ist ja sowieso Nationalstolz und das steht einer Nation, die einen Weltkrieg provoziert hat, nunmal nicht zu. Kurze Randbemerkung daher: Wir (die jüngeren Generationen) sind keinesfalls schuldig, sondern nur verantwortlich. Wir müssen zwar mit verantworten, dass ein Völkermord wie der durch die Nazis begangene nicht wieder vorkommt, Schuld trifft uns aber zu großen Teilen nicht mehr. Die verbliebenden Funktionäre aus der Nazi-Zeit sterben langsam weg, in wenigen Jahren werden nur noch die Kinder von damals leben, die nun wirklich keine Schuld trifft.

Ein Nationalstolz steht uns insofern definitiv zu, denn so etwas gab es schon vor den Nazis und so etwas gibt es auch jetzt wieder. Der Nationalstolz vor den Nazis und der danach sind nämlich keinesfalls der Nationalstolz der 1930er bis 1940er Jahre – vorher war man stolz darauf, überhaupt eine Nation gebildet zu haben, jetzt sind wir stolz auf das, was seit 1945 geschaffen wurde. Aber genug der Geschichtsunterrichtswiedergabe.

Wie deutsch bin ich also? Um das zu beantworten, muss ich erstmal versuchen, zu definieren, was denn „deutsch“ überhaupt ist. Ich bin das, was in NSFW als „biodeutsch“ bezeichnet wird, sprich, meine Eltern wurden beide hier in Deutschland geboren. Ein Teil meiner Verwandten kommt aus Berlin, einige aus Sachsen und ein paar aus Russland. Darüber definiere ich mich aber trotzdem nicht, denn ich denke, dass das „deutsch“ nicht definiert. „Deutsch“ definiert sich meiner Meinung nach vielmehr über die Kultur, die sich hier geschaffen hat – das, was wir hatten (Sprache, Kunst aus der vor-Nazis-Zeit etc.) und das, was dazu kam. Sei es durch Immigranten (Gastarbeiter, Flüchtlinge, Fachkräfte), die natürlich einen Teil ihrer Kultur in unsere, immer stärker mit anderen Kulturen vermischte Kultur eingebracht haben oder neue Kommunikationstechnologien, die die weltweite Vermischung der Kulturen natürlich unterstützen. So entsteht eine neue Kultur, die zwar an sich keine „deutsche“ mehr ist – sie besteht ja aus unzähligen verschiedenen Kulturen – aber dennoch ist sie natürlich eine, die es so nur in Deutschland gibt – die Basis, die für uns die „alte“ deutsche Kultur ist, ist in Frankreich die französische, in Italien die Italienische etc. „Deutsch“ bezeichnet also das Zusammentreffen dieser Mischkultur mit Religionen, Sprachen, Kunst etc. und dem Leben in einem geografisch abgegrenzten Bereich, in diesem Fall etwa dem Gebiet der Bundesrepublik.

Insofern kann es natürlich auch keinen typischen Deutschen geben – die deutschen Tugenden beispielsweise treffen nicht einmal auf alle „biodeutschen“ zu. Klar, ich gebe mir immer Mühe, pünktlich zu sein, aber wenn ich mal die preußischen Tugenden zugrunde lege, die sich ja angeblich die Grundlage für unsere heutigen Tugenden sind, gibt es da doch mitunter große Differenzen. Während es beispielsweise noch immer in großen Teilen der BRD erwartet wird, gottesfürchtig zu sein und einer der beiden großen christlichen Kirchen anzugehören, habe ich so grundlegende Differenzen zu Kirchen, dass ich um diese große Bögen mache. Da bin ich nicht der einzige, sodass das vielleicht schon wieder typisch wäre – aber eben nicht für ganz Deutschland, höchstens für die neue Mischkultur.

Am Tag der deutschen Einheit kann ich mich also nicht so recht als Deutscher fühlen, denn die Subkultur, in der wir hippen Netzmenschen (Vorurteil, ihr wisst schon) leben, ist doch eher eine europäische, wir leben also in der deutschen Subkultur der europäischen Mischkultur, die wiederum eine Subkultur einer weltweiten Mischkultur ist. Sicher ist das, je höher die Ebene, unterschiedlich weit, aber ich fühle mich dennoch deutlich als Europäer.