Rezension: Lebensmittel-Lügen. Wie die Food-Branche trickst und tarnt

Ich habe wieder ein Buch gelesen, dieses Mal „Lebensmittel-Lügen. Wie die Food-Branche trickst und tarnt“ von der Verbraucherzentrale NRW.

Inhalt

Der Hauptteil des Buchs ist aufgeteilt in sechs Themenbereiche:

  1. Werbetricks des Lebensmittelhandels
  2. Täuschende Produktnamen
  3. Tricksereien mit dem Begriff „Geschmack“
  4. Tricksereien mit der Verpackung
  5. Gesundheitsversprechen
  6. Wie kann man sich wehren?

Im ersten Teil wird dabei auch stark auf die Entwicklung hin zu unserer heutigen Einkaufs- und Werbewelt eingegangen, ein Faktum, das ich bei diesem Buch ehrlich gesagt nicht erwartet hätte.

Nach einigen kurzen Überblicken, etwa über aktuelle Marketingtrends und Kundentypen gehen die Autoren dann zum eigentlichen Thema über: Wie auf verschiedene Arten getrickst wird – seien es nicht herkunftsgeschützte Namen, nicht aufgeführte Zutaten, Mogelpackungen oder „Functional Food“.

Beurteilung

Das Buch ist in einer einfachen, verständlichen Sprache geschrieben, die sich durch das ganze Buch zieht. Dabei werden keine Begriffe verwendet, die man auch nur annähernd als Fachbegriff verstehen könnte verwendet (wie eben „Functional Food“), sondern ausschließlich alltägliche Begriffe, was dem Text aber keinesfalls schadet.

Die Inhalte sind, wie schon oben angerissen, weit gefächert, von der Geschichte über das Vermeiden von Fehlern beim Einkaufen (mehr einkaufen als man vorhatte, ihr kennt das Problem sicherlich) über die verschiedenen Arten, zu tricksen bis hin zu den Forderungen, die die Verbraucherzentralen an die Politik stellen. Dazu unten nochmal etwas. Trotz der einfach gehaltenen Sprache werden die Texte nicht vollkommen anspruchslos, sie erfassen eigentlich alle Aspekte des jeweiligen Themas, die für den Endverbraucher relevant sind.

Ebenso sinnvoll sind die verschiedenen Übersichten wie etwa der Schlüssel für die auf Eier gedruckten Codes und den typischen Aufbau einer Verpackung im hinteren Umschlag.

Das Layout ist sehr einfach gehalten, im wesentlichen handelt es sich um Text mit Infoboxen zu verschiedenen Themen am Rand. Hier kann man einiges falsch machen, insgesamt ist das Layout allerdings gut gelungen. Es hat allerdings einige wenige  Schönheitsfehler – schwarze Schrift auf dunkelbraun grundierter Infobox und an einer Stelle drückt die zu offenbar zu fett gesetzte Überschrift durch. Kleinigkeiten eben.

Zur Auflockerung wurden neben großzügig bemessenem Freiraum viele Bilder eingebunden. Im ersten Teil sind es Bilder der frühen Supermärkte, wenn konkrete Produkte besprochen werden. Dabei werden jeweils das Produkt sowie meist die (abgeschriebene) Zutatenliste eingebunden. Leider fehlen die Bildquellen für die Bilder aus dem ersten Teil gänzlich – ich gehe eher nicht davon aus, dass diese Bilder ebenso wie die Produktfotos im zweiten Teil von den Verbraucherzentralen stammen.

Das Cover funktioniert sehr gut als Aufmacher, zeigt es doch sehr eindrücklich, um welches Thema es geht – ein Plastikschwein in einer Fleischverpackung, das als Gans gekennzeichnet ist.

Große Kritikpunkte gibt es auch bei diesem Buch kaum, allerdings diverse kleine. Das Buch basiert auch auf den Erfahrungen, die die Verbraucherzentralen mit ihrem Portal Lebensmittelklarheit.de gemacht haben. Darauf dürfen sie auch gerne stolz sein, übertreiben es aber leider ein wenig: Alleine auf den ersten fünf Seiten Text finden sich sechs Links auf die Seite, das könnte man sicherlich auf ein oder zwei reduzieren. Dieses überschwängliche Verlinken nimmt Hauptteil ab, fängt auf den letzten paar Seiten allerdings wieder an.

Auch die eigentlich begrüßenswerte leicht verständliche Sprache, die sicher einigen Menschen den Zugang zu den Inhalten ermöglicht, die die Inhalte sonst schlichtweg nicht verstehen würde, wird mitunter eher zum Störfaktor. Klar, ganz sachliche Texte wirken sehr trocken, das kann man schon auflockern. Aber „Wenn Sie nun wissen wollen…“ oder „Na, dann ist ja wohl alles klar.“ sind meiner Meinung nicht unbedingt für Sachbücher geeignet („Wie das zustande kommt“ o.ä. wäre bspw. für das erste eine Alternative)  und so richtig sachlich ist das zweite auch nicht, eine Wertung ist hier doch recht leicht zu erkennen.

Oh, und ein ganz besonderes sprachliches Highlight habe ich auch gefunden:

Lebensmittel werden beim Händler offensichtlich falsch gelagert (zum Beispiel Kühlschränke oder Kühltheken kühlen nicht ausreichend, Tiefkühlware ist dadurch angetaut)

Wenn da nicht ein Doppelpunkt vergessen wurden, ist der Satz Schmarrn.

Auch sind einige der Forderungen an Politik und Wirtschaft unklar formuliert – so ist mir beispielsweise nicht ganz klar geworden, ob die Verbraucherzentralen fordern dass „Frei von…“ bedeuten soll, dass der entsprechende Faktor wirklich zu 0,00% enthalten ist oder ob die Formulierung geändert werden soll („Enthält kleinste Mengen …“).

Oder die Marketingtrends. Mit dieser Bezeichnung gehe ich auch nicht unbedingt dacore – Fair Trade ist kein Marketingtrend, sondern ein gesellschaftlicher. Das Marketing hat sich hier der Gesellschaft angepasst, nicht andersherum.

Oder das Bedauern, dass bei Nuss-Nougat-Creme sehr weit vorne in den Zutatenlisten Fette auftauchen und die entsprechenden Produkte deswegen nicht „Nuss-Fett-Creme“ heißen – ich möchte mal diejenigen sehen, die etwas mit diesem zugegebenermaßen ehrlichen Namen verkaufen bzw. ein solches Produkt herstellen, ohne größere Mengen an Fetten zu verwenden.  Oder die Tatsache, dass in einem Eis, das offenbar nach Schwarzwälder Kirsch schmeckt, eine ungeheure Menge Alkohol ist – 1%. Na grandios. 1% eines Eis in Tüte – da werden wir alle abhängig und besoffen von und außerdem gehört in eine original Schwarzwälder Kirsch Torte Alkohol – warum sollte das bei einem entsprechenden Eis anders sein? Oder das jammern auf hohem Niveau, wenn sich darüber beschwert wird, dass eine mit Keks gefüllte Schokolade weniger wiegt als eine bspw. mit Nougat gefüllte – bei gleicher Packungsgröße weniger wiegt (sic!). Da kostet die eine von hunderten Sorten halt ein paar Cent mehr – es sind aber genauso viele Stück Schokolade, und darauf kommt es doch wohl an. Das ist einer der typischen Fälle, in denen Verbraucherschutzorganisationen etwas kritisieren, was ich durchaus auch nachvollziehen kann – aber nicht bedenken, was es für Kosten für den Hersteller mit sich bringen würde, für eine Sorte eine neue Produktionsstraße zu bauen, denn die Tafeln müssten für das selbe Gewicht um einiges größer sein, die Verpackungen auch und von den Veränderungen im Logistikablauf will ich garnicht erst anfangen.

Ebenfalls zu bemängeln ist, dass die Quellen für die gelegentlich angeführten Statistiken zwar nicht fehlen – stehen immerhin im Anhang – aber nicht darauf hingewiesen wird. Da steht dann also „Etwa jeder zweite Mensch hierzulande kauft (…) Lebensmittel, die einen (…) gesundheitlichen Zusatznutzen liefern“ ohne jedweden Verweis auf den Namen der Studie oder wenigstens auf die Quellenübersicht. Die paar Fußnoten würden dem Buch sicherlich nicht schaden, zumal nicht ohne weiteres erkennbar ist, welche Studie sich auf welche Aussage im Buch bezieht.

Ausbaufähig wäre auch das Register – während das Glossar die wichtigsten Begriffe gut erklärt, findet man beispielsweise die angesprochene Nuss-Nougat-Creme allenfalls zufällig, wenn man sie sucht. Mir ist insofern nicht ganz klar, nach welchen Kriterien die Begriffe in das Register übernommen wurden, das wirkt etwas willkürlich, weil einige der im Buch besprochenen Produkttypen im Register auftauchen, während andere nicht genannt werden.

Das einzige, was mich wirklich ernsthaft stört, sind die regelmäßig eingestreuten Info-Kästen mit den Forderungen der Verbraucherzentralen sowie die zugehörige Zusammenfassung am Ende des Buches. Sicher, es ist interessant, wie die Menschen in den Verbraucherzentralen uns zu schützen gedenken, aber insgesamt lesen sich diese Abschnitte wie ein Lobbypapier – keineswegs wie sachliche Aufklärung. Würde man zu dem „Unabhängig. Kompetent. Praxisnah.“ (was ja zumindest teilweise ein Eigenlob ist) ein „Unabhängig“ hinzufügen, würde das (und dessen Umsetzung natürlich) solche politischen Inhalte irrelevant machen. Oh wait, das steht da ja. So richtig objektiv ist aber trotzdem nicht, auch wenn ich vielen Forderungen zustimme.

Fazit

Ich tue mir ein wenig schwer. Eigentlich ist das Buch ein großartiger Überblick über die verschiedenen Methoden, wie versucht wird, die Verbraucher mehr oder weniger direkt über’s Ohr zu hauen. Wenn da nicht die fiesen kleinen Fehler und die deutliche Lobbyprägung wären. Die kann man den Verbraucherzentralen, die ja fast alleine die Lobby für Endverbraucher bilden, auch nicht wirklich übel nehmen, leider sorgt das dafür, dass ich das Buch als unabhängigen Ratgeber nicht vollständig ernst nehmen kann. Es wird sicherlich einen festen Platz in einem meiner Regale finden, aber ein leichtes Geschmäckle bleibt letztlich doch.

Metadaten

Claudia Weiß, Birgit Klein, Andrea Schauff, Janina Löbel: Lebensmittel-Lügen. Wie die Food-Branche trickst und tarnt.

Verbraucherzentrale NRW, Düsseldorf, 2013

ISBN: 978-3-86336-031-3

Das Buch kostet gedruckt 9,90€, das eBook für 7,99€. Bei der Bestellung im Shop der Verbraucherzentralen fallen 2,50€ Versandkosten an.

Links

  • Zu Kaufen gibt es das Buch etwa direkt im Shop der  Verbraucherzentralen (PDF und Print, 2,50€ Versand).
  • Bestellen kann man auch per Mail (ratgeber<ÄD>vz-nrw.de), Telefon (0211/3809-555) oder schriftlich (Versandservice der Verbraucherzentralen, Himmelgeister Str. 70, 40225 Düsseldorf)
  • Ich danke der Verbraucherzentrale NRW für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars über bdb!