Gedanken: Huffington Post

Ich gebe zu, ich habe irgendwie darauf gewartet, dass mal wieder jemand die angebliche Kostenloskultur beschwört. Normalerweise sind das Zeitungen, die um ihr Onlineangebot fürchten – diesmal ist mit der deutschen Huffington Post eine “Onlinezeitung” Auslöser der Debatte. Da meine Kritik daran sehr umfangreich ist, erstmal diese, die Kritik zur “Kostenloskultur” dann in einem extra Artikel.

Punkt 1: Above the fold

Es gibt den Begriff “above the fold”. Ursprünglich aus dem Verlagswesen, mittlerweile auch im Webdesign verwendet, beschreibt dies den Bereich, der sichtbar ist, ohne die Zeitung aufzuklappen bzw. ohne zu scrollen. Bei Zeitungen sind das meist die Kopfzeile mit Logo und der wichtigsten Schlagzeile, zur “Perfektion” getrieben hat das die Zeitung mit den vier großen Buchstaben.

Screenshot von huffingtonpost.de am 19.10.2013

Das ist also das, was ich auf meinem 21 Zoll-Bildschirm sehe. Zugegeben, viel mehr Information findet sich da auch bei SPON nicht, aber dort finden sich doch mehr Informationen. Das riesige Bild gönne ich ihnen ja noch – aber was soll die riesige Überschrift? Und warum steht der Teaser so nah unter dem Bild? Und seit wann benutzt man da keine Spiegelstriche mehr?

Und eigentlich ist das ja nichtmal das Highlight, an einem der ersten beiden Tage stand an dieser prominenten Stelle ein wirklich ganz sicher kostenloser Inhalt – da hatte man einfach eine Pressemitteilung der Telekom abgeschrieben.

Das Interview ist Mittelklasse, aber von mir aus.  Nur: Wer hat das eigentlich geschrieben?

Interview – Autor: Christoph Pagel

Wasn nu? Christoph Pagel oder Martina Fietz? Sehr vertrauenserweckend, sowas.

Punkt 2: “Good”

Oh, toller Name für eine Kategorie. Kann ich mir gut was drunter vorstellen. Nicht. Obwohl… so boulevardesk, wie das ganze wirkt, werden es wohl Gutmensch-Geschichten sein, wie ich sie aus Omas Fernsehzeitung kenne. Gucken wir also mal rein:

  • Hier knutschen Sie am besten
  • Das tun erfolgreiche Menschen in der Mittagspause
  • VIDEO: Endlich Hochzeit- nach 80 Jahren
  • Tabus bei Tisch: Benimmregeln einer Etikelle-Expertin
  • Modetrend für den Herbst: Bambi vereint sich mit Overknees

Aha. Ich hätte diese Kategorie eher “Sammelbecken für den ganzen restlichen Agenturmüll” genannt. Oder “Irrelevantes”. Aber nachdem ich diejenigen Medien als “gut” bezeichne, die qualitativ hochwertigen, aggregierten und wichtigen Content liefern, garantiert nicht “good”.

Ein besonderes Schmankerl ist hier der Artikel “Danke, Heidi!”:

Model und Model-Mama Heidi Klum hat der Huffington-Post-Chefin Arianna Huffington per Twitter zum Launch der Seite in Deutschland gratuliert.

Dazu noch ein Ausdruck der Freude, ein Bild Klums veröffentlichen zu können, ein Danke und ein eingebetteter Glückwunsch-Tweet. Kann mir die Situation in der Redaktion vorstellen (wenn das überhaupt von da kommt und nicht von Klums PR-Berater):

Kriegst ja die Tür nicht zu! Guck mal! Da hat ein Promi gesagt, der es gut findet, dass unsere Plattform startet! Heidewitzka! Das ist eine News wert! Das interessiert bestimmt all die Menschen da draußen im Internet! 11eiself!!!

Nein – es ist uns einfach nur scheißegal. Übrigens der absolute Tiefpunkt der Irrelevanz auf der ganzen Seite, und das will was zu heißen haben.

 

Punkt 3: “Niveau” und “Relevanz”

In Anführungszeichen weil allenfalls marginal vorhanden. Beispiele gefällig? Gerne:

  • 9 Gründe, warum Paare in der Hochzeitsnacht keinen Sex haben
  • #hört#auf#ständig#alles#zu#has (das geht noch weiter, kann man aber nicht lesen, ohne den Artikel aufzumachen)
  • Dieser BH ist 10 Millionen Dollar wert

Will man etwa der BLÖD Konkurrenz machen? Klingt ja beinahe so.

Klar, es gibt auch sinnvolle Artikel (Bekanntgabe der EDEKA-Brezel-Rückrufaktion oder eben das oben genannte Interview. Aber irgendwie scheint das Boulevard Überhand zu nehmen:

  • “Kinder brauchen keine Erziehung” (nicht nur, dass von dieser Saalfrank im Allgemeinen wenig zu halten ist – nein, bis auf die Kommentare hat man gleich alles auf “Der Westen” gelinkt. Ob die wohl davon wissen?)
  • Dieser Basketball-Star wischt sich mit Geld den Hintern ab – Statt Klopapier nimmt er gleich 100-Dollar-Scheine

Orrrr. Und sowas will die Zukunft der Medien sein? Na gute Nacht.

Abgesehen davon die üblichen Dinge, die auch der BLÖD gerne mal passieren, bspw. zur Illustration eines Artikels, der beschreibt, dass in einem Roma-Lager eine angeblich als Kleinkind entführte Vierjährige gefunden wurde, mit einem Bild eines Kindes in dem Alter ohne jedwede Quellenangabe, ich würde also nicht ausschließen, dass das Bild wirklich das gefundene Kind zeigt – was ganz sicher Ärger mit dem Presserat mit sich bringen würde, immerhin gehören die irgendwie zum Focus. Zum Alltagsrassismus sage ich dabei nichts.

 

Punkt 4: Diverses

Der Einfachheit halber in loser Reihenfolge:

  • Umlaute nicht korrekt maskiert
  • Layout teilweise mies (s.o.)
  • Überschriften zu lang für Sidebar
  • unübersichtlich
  • haut Autoren über’s Ohr bzw. hält sich nicht an Absprachen
  • am ersten Tag gab es auf der Startseite kein Impressum
  • kaum bzw. keine Trennung zwischen Werbung und Inhalt (siehe PR-Artikel Telekom)

 

Punkt 5: Geschäftsmodell

Von mir aus vergebt euren Content gratis, meiner hier steht ja auch unter CC. Aber ich sehe nicht ein, warum ich einer Seite, die mit meinem Content ein millionenschweres Unternehmen werden wollen, mich nicht bezahlen soll. Kommerzielle Verwendung ist hier auch ausgeschlossen – wer meinen Content kommerziell verarbeiten will, soll sich halt mit mir absprechen.

Die Huffington Post bezahlt die fest angestellten Redakteure, lässt sich aber von Bloggern gratis Artikel zuliefern – ist ja “Bauchpinseln” und “bringt Reichweite”. Ja klar – ich sehe aber keinen großen Unterschied zwischen dem Content – mies ist das alles.

Aber man gibt ja “Millionen von Menschen” die Möglichkeit, ihre Daten einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Frau Huffington sagt dazu im ZAPP-Interview (s.u.), es handle sich um eine “unglaublich überholte Debatte”, dass Journalistenverbände fordern, die Schreiber zu bezahlen, die “nur von Leuten geführt [wird] , die das Internet nicht verstehen.” Denn bei Twitter, Pinterest etc. werden die Content beitragenden ja auch nicht bezahlt. Liebe Leute, das ist kein Argument! Das sind grundsätzlich verschiedene Dienste – Twitter, um schnell Links und Meinungen in den Äther zu blasen, Pinterest, Instagram und Co. bieten den Usern die Möglichkeit, Freunden und Bekannten Bilder und interessante Fundstücke zu präsentieren – und wollen nicht zu einer der wichtigsten Nachrichtenseiten Deutschlands werden.

Das ist auch genau das Problem, dass die HuffPo hierzulande hat: Guten Content gibt es nur dann kostenlos, wenn man die Leute über’s Ohr haut. Klar, einige Blogger liefern ihre Texte da gratis ab, aber warum sollen sie das tun, wenn es doch auch andere Möglichkeiten gibt (bspw. den t3n-Aggregator), wo sie zwar auch nicht bezahlt werden, aber kein millionenschweres Unternehmen aufgebaut werden soll? Ich kenne niemanden, der kostenlos für Volkswagen arbeitet, nur damit die ein Vermögen verdienen können – selbst wenn es ihr einziges Hobby wäre und sie es prinzipiell auch kostenlos machen.

Fazit: Hoffentlich geht der Laden innerhalb des nächsten Jahres den Bach runter. Würde mich auch wenig wundern.

Links

  • ZAPP (NDR) zur Huffington Post [Link entfernt, da Video nicht mehr verfügbar]
  • huffingtonpost.de(Ich rate vom Besuch ab)